Frank Balve - Fragment

 

Frank Balves aufw├Ąndige Rauminstallationen ├╝ben in ihrer Mischung aus Vertrautem und Verfrem-detem eine starke Faszination aus. Videos, Fotografie, plastische Arbeiten, konzeptionelle Malerei, Text und Soundcollagen f├╝gen sich zu R├Ąumen, die den Betrachter entweder ausgrenzen und zum Beobachter machen oder ihn umfangen und emotional einbinden. Seien es Repliken von allt├Ąglichen Gegenst├Ąnden wie Spielger├Ąte oder ein Rollstuhl, seien es vorgefundene Objekte wie alte Schreibmaschinen oder dreckiges Geschirr, immer wird durch gezielte Ver├Ąnderungen und Br├╝che die Stimmigkeit der Situation gest├Ârt und die Grenze zwischen dem Gewohnten und dem Abgr├╝ndigen durchbrochen. W├Ąhrend sich die einzelnen Arbeiten h├Ąufig auf klassische Werke der Malerei und Literatur beziehen, klingen in den Installationen vor allem gesellschaftliche Themen an, wie Medienkonsum, ├ťberwachung oder institutionalisierte Gewalt.

F├╝r seine zweite Einzelausstellung in der Galerie firstlines greift Balve erstmals das Thema der Erinnerung auf. Formal handelt es sich bei der begehbaren Installation um eine Neu-Konstruktion aus Teilen der Rekonstruktion eines verwahrlosten Raumes, den Balve in Anlehnung an pers├Ânliche Erinnerungen geschaffen hatte. Die Fragmente des zerst├Ârten Nachbaus werden in der Galerie neu zusammen gesetzt, wobei ihre urspr├╝ngliche Koh├Ąrenz verloren geht. Es bleiben L├╝cken zwischen den Bruchst├╝cken, ihre Positionen verschieben sich, dazwischen verweisen Fotografien und Videos sowie scheinbar zur├╝ck gelassene Gegenst├Ąnde auf fr├╝here Ereignisse in diesen R├Ąumen. Von Zimmer zu Zimmer verringert sich die Zahl der Koordinaten, gleich einer verblassenden Erinnerung, die zunehmend bruchst├╝ckhafter wird, bis sie sich schlie├člich auf wenige unzusammenh├Ąngende Bilder reduziert. Die Kombination von plastischen Elementen, bewegten Videobildern, Fotografien und Kl├Ąngen gleicht dabei dem multimedialen Charakter von Erinnerungen, die bildhafte Elemente, filmartige Szenen, Ger├Ąusche, Ger├╝che und vor allem Gef├╝hle umfassen k├Ânnen.

Wie Balves fr├╝here Arbeiten spielt auch┬á "Fragment" wieder mit ├╝berkommenen Gattungsbegriffen. Angesiedelt zwischen Plastik und Tafelbild, entziehen sich die gerahmten Geb├Ąude-Fragmente einer eindimensionalen Kategorisierung und vereinen Eigenschaften von Materialbildern, Ready Mades, objets trouv├ęs und Stilleben. Durch das Schaufenster der Galerie ist der erste Raum zudem einsehbar, gleich einem Schaukasten oder Diorama. Er wird so zur B├╝hne, vor deren Kulisse sich eine Handlung abgespielt haben mag - und auf der die Ausstellungsbesucher ihrerseits f├╝r den Passanten zu Akteuren werden.

Eine Schl├╝sselfunktion kommt den Fotografien und Videoprojektionen zu. Sie zeigen einen weiblichen und einen m├Ąnnlichen Protagonisten in der noch intakten Raumkulisse. Die nur schemenhaft zu erkennenden Gestalten befinden sich in unklaren Situationen: Gespenstisch bewegt sich die weibliche Figur auf allen Vieren ├╝ber den schmutzigen Boden, ein riesenhaft wirkender Mann scheint mit seinem Kopf in der Decke des d├╝steren Zimmers zu verschwinden. Die surrealen, alptraumhaften Bilder suggerieren d├╝stere Assoziationen an individuelle ├ängste und Gewaltszenarien. Obwohl der Betrachter versucht ist, zwischen ihnen eine koh├Ąrente Geschichte oder zumindest Zusammenh├Ąnge┬á herzustellen, bleibt ihre Bedeutung jedoch letztlich r├Ątselhaft.

Das gilt auch f├╝r die Gegenst├Ąnde, die wie zuf├Ąllig von Bewohnern zur├╝ck gelassen wirken. Flaschen, Kabel oder dreckiges Geschirr sind teilweise auch auf den Bildern zu sehen, wodurch der Betrachter zum Suchen und Fragen angeregt wird: Welche Objekte finden sich wieder, wozu wurden sie verwendet? Wer mag diese Dinge benutzt haben, wer hat diese R├Ąume bewohnt und was hat sich hier abgespielt? Der Ort erscheint aufgeladen mit den Energien vergangener Ereignisse, die nachempfunden oder imaginiert werden, vielleicht auch mit eigenen Erinnerungen verwoben. Ein beunruhigendes Gef├╝hl stellt sich ein, wenn der Betrachter auf der Suche nach einem narrativen Zusammenhalt zwischen Erkennen, Nicht-Erkennen und Wieder-Erkennen schwankt, eine Irritation, ├Ąhnlich den Nachwirkungen eines Alptraums. Der ├╝berzogen dargestellte Verfall und die identit├Ątslosen K├Ârper mit ihren verschwommenen Gesichtern verleihen der Arbeit zudem eine metaphorische Dimension: Das dreckige Abbruchhaus wird zum Sinnbild f├╝r die menschliche Psyche, f├╝r die unkontrollierbaren Prozesse unserer Erinnerung.

Frank Balve (*1986) studiert seit 2009 an der M├╝nchner Akademie f├╝r Bildende K├╝nste bei Norbert Prangenberg. Er ist Preistr├Ąger des Dannerpreises 2011 und 2012. Anl├Ąsslich der Jahresausstellung der AdbK wurde seine Arbeit 2011 mit dem ersten Preis des Akademievereins sowie 2012 mit dem Preis des Lions Club ausgezeichnet.